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Forschungsprojekt Prof. Dr. Remmert

DFG-Projekt „Das Mathematische Forschungsinstitut Oberwolfach, 1944-1963: Vom „Reichsinstitut für Mathematik“ zur internationalen „sozialen Forschungsinfrastruktur““

Das Mathematische Forschungsinstitut Oberwolfach (MFO) ist seit 2005 Mitglied der Leibniz Gemeinschaft und genießt international höchstes Ansehen. Im Herbst 1944 durch den Freiburger Mathematiker Wilhelm Süss (1895-1958) als „Reichsinstitut für Mathematik“ gegründet, entwickelte das MFO sich in den 1950er und 1960er Jahren zu einem Tagungszentrum, das zunehmend auch international ausstrahlte. Während seine Gründungsgeschichte historisch untersucht wurde, liegen zu seiner Geschichte nach 1945 neben wenigen historischen Arbeiten, die einzelne Aspekte berühren, im wesentlichen nur Beiträge vor, die eher der mathematischen Erinnerungskultur entsprungen sind. Sie enthalten zwar wertvolle Anregungen für eine Geschichte des MFO, genügen aber wissenschaftshistorischen methodischen Ansprüchen kaum.

Diese Lücke will das Vorhaben füllen: es handelt sich um eine Geschichte des MFO, die seinen institutionellen Wandel von einem „Reichsinstitut für Mathematik“, dessen Aufgaben sehr umfassend waren, aber völlig im zeitgenössischen institutionellen Rahmen blieben, zu einer „sozialen Forschungsinfrastruktur“ analysiert, wie sie in der deutschen Forschungslandschaft der 1950er und 1960er Jahre völlig neu war. Im Fokus wird dabei der Wandel der institutionellen Identität des MFO zwischen 1944 und dem Beginn der 1960er Jahre stehen, d.h. insbesondere die Entwicklung und Bedeutung des wissenschaftlichen Programms des MFO (Tagungen, „team work“, Bourbaki) und der verwendeten Forschungsinstrumente (Bibliothek, Publikationsprogramm) sowie der damit einhergehenden Strategien, um die Existenz der MFO zu sichern (etwa im Rahmen der MPG). Damit ist zugleich eine Brücke geschlagen zur Thematik der Wahrnehmung der Mathematik im öffentlichen und im politischen Raum in den 1950er und frühen 1960er Jahren.

Der formale Endpunkt 1963 ist dabei durch den Wechsel der Institutsleitung von Theodor Schneider (1911-1988) auf Martin Barner (geb. 1921, Leitung MFO 1963-1994) im Jahr 1963 gegeben. Zu diesem Zeitpunkt war die institutionelle Sicherung des MFO weitgehend abgeschlossen bzw. vorgezeichnet. Im Vordergrund des Vorhabens stehen – im methodischen Rahmen der Analyse des Entstehens einer neuen und bleibenden institutionellen Identität des MFO – vor allem die Analyse der historischen Prozesse (1) der Entwicklung und inhaltlichen Ausgestaltung des Tagungsbetriebs, (2) der (komplexen) institutionellen Sicherung des MFO und (3) der Rolle des MFO für die Re-Internationalisierung der Mathematik in Deutschland. Auf diese Weise öffnet das Vorhaben zugleich ein Fenster auf Themen von allgemeinerem wissenschaftshistorischen Interesse wie die Komplexität der Forschungsförderung und die Re-Internationalisierung der Wissenschaften in der frühen Bundesrepublik.

 

Publikationen

Selbstansichten auf das Mathematische Forschungsinstitut Oberwolfach, 1944-1959: Auf der Suche nach einer institutionellen Identität, in: Mathematische Semesterberichte 66(2019), 1-13

Oberwolfach in the French Occupation Zone: 1945 to early 1950s, in: Revue d'histoire des mathématiques 21(2020), 121-172

Retter“ von Oberwolfach (1945): Szolem Mandelbrojt und John Todd, in: Mathematisches Forschungsinstitut Oberwolfach 75 Jahre. Festschrift zum Jubiläum, Oberwolfach 2022, 66-74 (https://doi.org/10.14760/misc-festschrift-2019)

Das Mathematische Forschungsinstitut Oberwolfach: Vom „Reichsinstitut für Mathematik“ zur internationalen „sozialen Forschungsinfrastruktur“ (1944-1960er Jahre), in: Thomas Heinze/Rupert Pichler (Hg.): Organisationsformen der Erkenntnisgewinnung. Organisatorische Gestaltung und Wissensproduktion in der außeruniversitären Forschung, Wiesbaden 2024, 69-83

mit Maria Remenyi (Hg.): „... eine innige Verwebung sowohl sachlicher wie auch persönlicher Art“. Zu den Tagungen am Mathematischen Forschungsinstitut Oberwolfach, 1945-1960, Oberwolfach 2025


 

 

 

Abstract

The Oberwolfach Research Institute for Mathematics, 1944-1963: From „National Institute for Mathematics“ to an international „social infrastructure for research“

The Oberwolfach Research Institute for Mathematics (Mathematisches Forschungsinstitut Oberwolfach/MFO) has been a member of the Leibniz Association since 2005 and is internationally highly renowned. Founded in late 1944 by the Freiburg mathematician Wilhelm Süss (1895-1958) as „Reichsinstitut für Mathematik“, in the 1950s and 1960s the MFO developed into an increasingly international conference centre. While the history of its foundation has been analysed the development after 1945 has scarcely been touched on by historians of mathematics/science.

The project aims at filling this gap, namely to analyse the history of the MFO as it institutionally changed from a projected National Institute for Mathematics with a wide, but standard range of responsibilities to an international social infrastructure for research. That was completely new in the framework of German academia. The project focusses on the evolvement of the institutional identity of the MFO between 1944 and the early 1960s, namely the development and importance of the MFO’s scientific programme (workshops, team work, Bourbaki) and the instruments of research employed (library, workshops) as well as the corresponding strategies to safeguard the MFO’s existence (for instance under the wings of the MGP). These topics are closely connected to the topic of the perception of mathematics in the public and political realms in the 1950s and 1960s.

The year 1963 marks the end of the project as in 1963 the MFO’s directorship was handed over from Theodor Schneider (1911-1988) to Martin Barner (* 1921, director 1963-1994). At this point the MFO was basically institutionally secured. In the methodological framework of the analysis of the development of a new and permanent institutional identity of the MFO three aspects will be key to the project, namely the analyses of the historical processes of (1) the development and shaping of the MFO’s workshop activities, (2) the (complex) institutional safeguarding of the MFO, and (3) the role the MFO played for the re-internationalisation of mathematics in Germany. Thus the project opens a window on topics of more general relevance in the history of science such as the complexity of science funding and the re-internationalisation of the sciences in the early years of the Federal Republic of Germany.

 

Publications:

Selbstansichten auf das Mathematische Forschungsinstitut Oberwolfach, 1944-1959: Auf der Suche nach einer institutionellen Identität, in: Mathematische Semesterberichte 66(2019), 1-13

Oberwolfach in the French Occupation Zone: 1945 to early 1950s, in: Revue d'histoire des mathématiques 21(2020), 121-172

Retter“ von Oberwolfach (1945): Szolem Mandelbrojt und John Todd, in: Mathematisches Forschungsinstitut Oberwolfach 75 Jahre. Festschrift zum Jubiläum, Oberwolfach 2022, 66-74 (https://doi.org/10.14760/misc-festschrift-2019)

Das Mathematische Forschungsinstitut Oberwolfach: Vom „Reichsinstitut für Mathematik“ zur internationalen „sozialen Forschungsinfrastruktur“ (1944-1960er Jahre), in: Thomas Heinze/Rupert Pichler (Hg.): Organisationsformen der Erkenntnisgewinnung. Organisatorische Gestaltung und Wissensproduktion in der außeruniversitären Forschung, Wiesbaden 2024, 69-83

with Maria Remenyi (eds.): „... eine innige Verwebung sowohl sachlicher wie auch persönlicher Art“. Zu den Tagungen am Mathematischen Forschungsinstitut Oberwolfach, 1945-1960, Oberwolfach 2025