Vorlesung und Sprechstunden von Prof. Dr. Armin Eich entfallen | 21.04.
Vorlesung und Sprechstunden von Prof. Dr. Armin Eich entfallen | 21.04.
Gefördert im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs 2696 „Transformationen von Wissenschaft und Technik seit 1800“
Was ist technischer Wandel, und wie vollzieht er sich? Seit längerem hinterfragt die Technikgeschichte die Narrative eines linearen Fortschritts, denen zufolge sich Innovationen und Erfindungen in stetiger Abfolge ablösen und ältere Techniken verdrängen. In jüngerer Zeit hat sich die historische Forschung mit wachsendem Interesse der Persistenz des Alten im Bereich des Technischen zugewandt. Demnach lässt sich in gegenwärtigen wie auch in vergangenen Technikkonstellationen zumeist ein Nebeneinander von Altem und Neuem beobachten – Techniken unterschiedlichen Alters, die sich überlagern, ergänzen und gegenseitig bedingen. Dies zeigt sich auch mit Blick auf textile Produktionstechniken im Zeitalter der industriellen Moderne bis hin zum wirtschaftlichen Strukturwandel der 1960er bis 1990er Jahre, wie das Forschungsprojekt verdeutlicht.
Die Anfänge der Textilindustrie im Raum des Wuppertals reichen bis ins Spätmittelalter zurück, insbesondere im 18. Jahrhundert gewann jedoch die Bandweberei, regional spezifisch häufig als Bandwirkerei bezeichnet, an Bedeutung. Ihre Erzeugnisse wurden als sogenannte „Barmer Artikel“ weltweit exportiert und fanden Verwendung als technische Textilien, Alltagsgüter sowie Modeartikel. Während sich die Textilproduktion im Verlauf des 19. Jahrhunderts zunehmend mechanisierte und in Fabriken verlagerte, verblieb ein Großteil der Bandindustrie in Heimbetrieben, die im Verlagssystem organisiert waren. In der Phase der Hochindustrialisierung erreichte die Hausbandweberei ihren Höhepunkt. Sie überdauerte tiefgreifende soziopolitische und ökonomische Zäsuren und erfuhr während des Nachkriegsbooms der 1950er Jahre einen erneuten Aufschwung.
Das Projekt fragt nach den Ursachen und Konsequenzen technischer Persistenz innerhalb der Textilindustrie. Es untersucht Pfadabhängigkeiten und Modi technischen Wandels und stellt dabei tradierte Narrative linearen Fortschritts infrage. Denn für die Bandindustrie lässt sich weder eine eindeutige Ablösung noch eine disruptive Verdrängung älterer Webtechniken feststellen. Um 1910 waren Handwebstühle noch weit verbreitet, während die rasch voranschreitende Elektrifizierung vieler Haushalte zugleich den Einsatz mechanischer Antriebe ermöglichte. Auch die auf der Lochkartentechnik basierende Jacquardweberei fand in den Heimbetrieben Verbreitung und erlaubte die Herstellung komplexerer Muster. Vor diesem Hintergrund geht das Projekt von der Hypothese einer Polychronie verschiedener Webtechniken aus, die jeweils mit spezifischen Eigenzeiten verbunden waren.
Über die politischen Zäsuren von Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Bundesrepublik hinweg zeichnet die Dissertation die Geschichte der bergischen Hausbandweberei im Spannungsfeld von Heimarbeit und moderner Industriegesellschaft nach. Zugleich knüpft sie an aktuelle Debatten zur historischen Zeiterfahrung, zum impliziten Wissen sowie zu Fragestellungen der Geschlechtergeschichte und der materiellen Kultur im 20. Jahrhundert an.
Ein „Barmer Bogen“ aus dem frühen 20. Jahrhundert mit floral gemusterten Bändern. Die Mustertafel (25x32cm) ist überliefert aus dem Bestand der ehemaligen Bandweberei Thiemann, der im Zuge des DFG-Projekts „Digitales Portal Alltagskulturen im Rheinland – Wandel im ländlichen Raum 1900-2000“ im LVR-Freilichtmuseum Lindlar digitalisiert wurde. Inventarnummer: 1975/1169.27.