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Forschungsprojekt Paul Moersener

Webstuhl, Wohnstube, Weltmarkt: Kultur- und Technikgeschichte der Bergischen Hausbandweberei vom Kaiserreich bis in den Strukturwandel

Die Technikgeschichtsschreibung hat sich lange Zeit vornehmlich auf technologische Neuerungen konzentriert. Industrielle Innovationsprozesse stehen bis heute im Zentrum fortschrittsorientierter Narrative. Persistente ältere Technologien sowie hybride Produktionsformen blieben demgegenüber häufig randständig. Am Beispiel der Bergischen Hausbandweberei untersucht die Dissertation die Bedeutung technologischer Kontinuität, polychroner Technikverwendung und häuslicher Produktionsweisen für die industrielle Moderne.

Seit dem 18. Jahrhundert entwickelte sich im gewerblich geprägten Herzogtum Berg eine auf gewebte Bänder spezialisierte, exportorientierte Industrie. Noch 1913 erfolgte der überwiegende Teil der Bandproduktion im Bergischen Land nicht in Fabriken, sondern im Rahmen einer im Verlagssystem organisierten Hausindustrie: Von rund 11.000 Bandwebstühlen standen etwa 8.000 in Heimbetrieben. Während vielerorts weiterhin von Hand gewebt wurde, kamen zunehmend mechanische Bandstühle sowie Jacquardwebstühle zum Einsatz, deren Verbreitung durch die frühe Elektrifizierung des Wuppertals begünstigt wurde.

Die räumliche und zeitliche Simultanität von Produktion und Familie macht die Hausbandweberei zu einem zentralen Untersuchungsfeld für Fragen der materiellen Kultur, historischer Zeiterfahrung und der Geschlechtergeschichte. Obwohl der Beruf des Bandwebers formal Männern vorbehalten war, zeigt die Analyse der familiären Arbeitsteilung die zentrale Rolle von Frauen im Produktionsprozess.

Über die politischen Zäsuren von Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Bundesrepublik hinweg zeichnet die Dissertation die Geschichte der Bergischen Hausbandweberei im Spannungsfeld von Heimarbeit und moderner Industriegesellschaft nach und leistet damit einen Beitrag zu einer kulturhistorisch orientierten Technikgeschichte.