Lena Filzen
Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Wissenschafts- und Technikgeschichte
Forschung
Forschungsinteressen:
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Geschichte von Wissen, Wissensproduktion und -kanonisierung
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Geschichte der Ethnologie und Anthropologie
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Reiseberichte der Frühen Neuzeit und des 19. Jahrhunderts für (Ost-)Afrika, den arabischen Kulturraum und China
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Fremd- und Körperbeschreibungen
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(geographische) Erforschung Ostafrikas und des Nils sowie Bau des Suezkanals
Dissertationsprojekt
Die Geschichte der Wahuma - Konzeptionelle Untersuchung einer Fremdbeschreibung im Wandel
Die Anfänge der Ethnologie als eigenständige Wissenschaft reichen bis ins frühe 19. Jahrhunderts und sind eng mit der Entwicklung der Anthropologie, Linguistik sowie Klimatologie und Geographie verbunden. Eine Aufarbeitung der Entstehung ethnologischer Benennungen, Charakterisierung und Großkonzepte ist insbesondere für die koloniale Wissens- und Wissenschaftsgeschichte essentiell.
Ein herausstechendes Fallbeispiel bilden dafür die sogenannten Wahuma. Diese Bezeichnung lässt sich vermehrt ab den 1880er Jahren in europäischen Reiseberichten aus dem ostafrikanischen Zwischenseengebiet finden und wurde von dem Rassentheoretiker Giuseppe Sergi 1901 dem östlichen Hamitenzweig zugeteilt. Seit den 1950er Jahren gelten die Wahuma jedoch als ein rein fiktives Produkt Europas, ohne ethnische oder kulturell-linguistische Basis. Eine Aufarbeitung der Wahuma-Bezeichnung zeigt daher nicht nur die disziplingeschichtlichen Mechanismen ihrer Entstehung (1860-1890) und ethnologischen Einordnung (1890-1930), sondern auch das Ende eines solchen Forschungskonzepts (ca. 1940).
Die aktuelle Forschung richtet sich bisher lediglich an John Hanning Spekes History of the Wahuma aus seinem Journal (1863) aus, insbesondere an der Interpretation seiner Abstammungsthese.
“It appears impossible to believe, judging from the physical appearance of the Wahûma,
that they can be of any other race than the semi-Shem-Hamitie of Ethiopia.” (Speke, S. 246)
Dabei wird Spekes Beschreibung als grundlegend für die moderne hamitische Hypothese (ca. 1860er bis 1940) betrachtet, die im postkolonialen Diskurs ab den 1950er Jahren kritisiert und historisiert beforscht wurde.
“The Hamitic hypothesis is well-known to students of Africa. It states that everything of value ever found in Africa was brought there by the Hamites, allegedly a branch of the Caucasian race.” (Sanders, S. 521)
Der spätere ethnologische und heute etymologische Zusammenhang zwischen Begrifflichkeiten und Konzepten der Wahuma und (Wa-)Tutsi, die in den 1960er und 1990er Jahren zur genozidalen Gewalt zwischen Hutu und Tutsi führten, ist zwar in populärwissenschaftlichen Arbeiten proklamiert worden, historisch jedoch noch relativ unerforscht.
Forschungsansätze und Thesen
Die Erarbeitung der Geschichte der Wahuma wirft die Fragen auf, welche Mechanismen bei einer Generierung und Kanonisierung von Wissensbeständen greifen und welche disziplinübergreifenden oder außerwissenschaftlichen Ereignisse den Wandel von Wissen bedingen. Bisher wurden zwei Hauptthesen dazu erarbeitet:
1) Speke vertrat nicht die Hamitische Hypothese, sondern berief sich auf alttestamentarische Deutungsmuster. Sein Journal (1863) erfuhr erst im Kontext des Scramble for Africa ab 1880 eine Revision. Die Deutung seiner Abstammungsthese ist somit untrennbar mit den kolonialen Bestrebungen verbunden.
2) Nach der kolonialen Einnahme des Zwischenseengebiets durch Großbritannien und das Deutsche Reich etabliert sich Wahuma als Bezeichnung für das gesamte „hamitische Bevölkerungselement“ (Schnee, III, S. 657) und als Untergruppe der kaukasischen Rasse. Mit der Übernahme Deutsch-Ostafrikas durch Belgien (ab 1918) wechselte jedoch nicht nur die koloniale, sondern auch die forschungstheoretische Deutungshoheit und Wahuma wurde durch die konzeptionell fast synonym verwendeten Bezeichnung Watusi ersetzt.
Vorgehen und Zielsetzung
Die Dissertation orientiert sich an den zwei Phasen der disziplinären Ausarbeitung einer ethnologischen Fremdbeschreibung: 1) Der ethnographischen Beschreibung zwischen den 1850er und 1900er Jahren, welche Ausgangslage und Bedingungen skizzieren, unter denen das Konzept der Wahuma verfasst und etabliert wurde, und 2) der anschließenden ethnologischen Einordnung zwischen 1880 und 1940, deren Analyse die Evolution und den Diskurs der (rassen-)theoretischen Einordnungen der ostafrikanischen Fremd-beschreibungen aufzeigt.
Ziel meiner Dissertation ist es, chronologisch die konzeptionelle Geschichte der Wahuma nachzuzeichnen und damit einen Beitrag zur Erforschung europäischer Wissensgenerierung und -kanonisierung im kolonial-ethnologischen Kontext zu leisten.
Betreut durch Jun.-Prof. Dr. Anne Sophie Overkamp
Laufzeit: Herbst 2024 bis Herbst 2027
Quellenauswahl:
Harry Hamilton Johnston, The Uganda protectorate, London 1902.
Friedrich Ratzel, Völkerkunde. Die Naturvölker Afrikas, Leipzig 1885.
Heinrich Schnee (Hrg.), Deutsches Koloniallexikon, Leipzig 1920.
Charles Seligman, Races of Africa, London 1930.
Giuseppe Sergi, The Mediterranean Race. A Study Of The Origin Of The European Peoples, London 1901.
John Hanning Speke, Journal of the Discovery of the Source of the Nile, London 1863.
Literaturverweise:
Peter Rohrbacher, Die Geschichte des Hamiten-Mythos, Beiträge zur Afrikanistik, Wien 2002.
Edith R. Sanders, “The Hamitic Hypothesis; Its Origin and Functions in Time Perspective“, The Journal of African History 10, Nr. 4 (1969): 521–32.
Adrian S. Wisnicki, Fieldwork of Empire, 1840-1900: Intercultural Dynamics in the Production of British Expeditionary Literature, New York 2019.
Forschungsaufenthalte:
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Frühjahr 2025: dreimonatiger Forschungsaufenthalt in Großbritannien (Edinburgh / London), gefördert durch das DHI London
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Sommer 2026: drei dreimonatiger Forschungsaufenthalt am Forschungszentrum Gotha und der Sammlung Perthes, gefördert durch das Herzog-Ernst-Stipendium
Vorträge:
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Die Geschichte der Wahuma. Konzeptionelle Untersuchung einer Fremdbeschreibung im Wandel auf der Zwischentagung der AG Fachgeschichte zur Geschichte der Ethnologie / Kulturanthropologie des Frobenius-Instituts der Gothe-Universität Frankfurt am Main (7.-8. November 2024).
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“The white Man sitting on his Throne” - John Hanning Speke’s iron Camp-Chair and its diplomatic Importance for the Search for the Source of the Nile, beim Workshop Beyond instruments and specimens: Exploring new perspectives on the material culture of expeditionary science, vom DFG Netzwerk The history of expeditions, Technische Universität Braunschweig (18.-19. Oktober 2024).
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[geplant] History of East Africa – Insights into European Practises of colonial Knowledge Production beim Joint Meeting of the European Society for the History of Science (ESHS) and History of Science Society (HSS), Edinburgh (12.-16. Juli 2026)
First corrected proofs of ‘Journal of the discovery of the source of the Nile’ by John Hanning Speke, with many stylistic changes by John Hill Burton, the editor of the work, National Library of Scotland, MS.4873, F154.